Die Meinenden

Der durschschnittliche Bürger scheint nichts als seine Meinung zu verlieren zu haben. Was auch immer er nicht besitzt;  eins scheint er immer zu besitzen, die ständige Bereitschaft, sein jegliches Dafürhalten artikulieren zu können. Schließlich nimmt er für sich das in den westlichen Verfassungen niedergeschriebene Recht in Anspruch, ständig und zu jeder Stunde das sagen zu können, was ihm in den Sinn kommt.

Der Grundfehler besteht darin, dass er Freiheit mit Frei- nach- Schnauze verwechselt.  Denn wie der bekannte Pawlow‘ sche Hund, der mit dem Klingeln einer Glocke sofort zu sabbern anfängt, weil er mit ihr das Essen verbindet, so fängt auch der durchschnittliche Bürger dann an zu sabbern, wenn er ein bestimmtes Reizwort hört.  Ein beliebter Reiz scheint für den Durschnittsdeutschen das Thema Israel zu sein. Hört er auch nur das Thema „Nahostpolitik„, so fällt ihm sofort die Siedlungspolitik, der Gaza- Krieg und die Vertreibung der Palästinenser ein,  woraus er das Existenzrecht Israels zu delegitimieren glaubt. Diese Äußerungen, die nach dem Reiz- Reaktions- Schema verlaufen, bezeichnet er dann als Meinung. Ganz an seine Individualität glaubend, beharrt er dann darauf, dass es SEINE Meinung ist,  die er äußert, obgleich es außer Frage stehen dürfte, dass er ein Sprachrohr der Mehrheitsmeinung darstellt.

So verfalle ich manchmal in die Paranoia, dass die meinenden behaviors in der „Black Box BRD systematisch produziert werden. Denn sowohl in der Schule als auch in der Uni erlebe ich Tag für Tag Lehrer bzw. Dozenten, die Schüler bzw. Studenten dazu animieren, doch ihre Meinung kundzutun. Natürlich werden dann Äußerungen getätigt, die sich im Wesensgehalt auch sehr von denen seiner Umgebung unterscheiden.

Auf den Gedanken, dass sich die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass man die Meinung behält, die man hat, und sich so in seiner eigenen Tunnelrealität wohlfühlen kann, kommen die Meinenden nicht. Auch auf den Grundgedanken, dass man sich eine Meinung bildest, d.h. ein gründliches Abwägen der (Gegen-) Argumente und die Fähigkeit, sich in den Gegenüber hineinzufühlen, kommen die Meinenden ebenso wenig. So bleibt am Ende dann eine Gesellschaft, in der jedes Arsch auf seinem Standpunkt stehen bleibt, weil dieser ja seine Meinung widerspiegelt.

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